Was ist dieses “New Work”​…?!

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Aktuell wird meine Timeline bei LinkedIn eigentlich täglich von “Propheten des New Work” geflutet. Beispiele: Väter erzählen, wie wichtig die Familie ist – und sie eigentlich nur noch 60-80% arbeiten wollen. Kürzlich postete ein Unternehmer, dass er sich jetzt feste “Familyslots” in den Kalender schreibt (…not kidding: Es war der Sonntag). Dann lese ich, dass eigentlich Büropräsenz nichts mehr taugt und das alles viel produktiver sei, wenn es nur noch Homeoffice gäbe. Ich muss intuitiv an Marcellus/Hamlet denken: “Etwas ist faul im Staate Dänemarks.” Viele der Themen sind richtig/wichtig, ich sehe aber die Intention mehr als “bewusstes Eigenmarketing”.

Ich schreibe das hier übrigens nicht als Gründer der RainmakerSociety, sondern weil mich diese Themen massiv beschäftigen. Und ich glaube, dass viele Dinge hinterfragt werden müssen – ganz sicher gibt es enormen Nachholbedarf bei der Sicht auf der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, und noch mehr auf Diversität in der Arbeitswelt. Für mich gibt es aber auch Schattenthemen…

Der finale Auslöser hierfür war übrigens ein Artikel eines Berufseinsteigers, der in einer gepflegten Kurzanalyse sowohl die gesamte Bankenwelt angreift, als auch einige Top-Management-Empfehlungen parat hat. Berufserfahrung: 9 Monate (inkl. 4 Monate Praktikum). Mein erster Gedanke: Etwas Demut schadet nicht…

Ich habe erlebt, wie in einer Firma ein teilholokratisches System aufgebaut wurde. Wie Scrum und agiles Arbeiten die Firmen flutet, weil Hierarchie überwiegend kritisch gesehen wird; und weil sicherlich das System der Old Economy an sehr vielen Stellen nicht mehr zeitgemäß ist. Wie die “Gig Economy” den Arbeitsmarkt verändern wird, mit den Insights, die ich in meinen Rollen bei einem Freiberuflermarktplatz und bei der RainmakerSociety sammeln durfte.

What is the “New Normal”?

Die “Wissensökonomie” und die Digitalisierung verschiebt alle bekannten Grenzen und unsere Wahrnehmung zu dem Thema Arbeit. Wie intelligente Maschinen die Zukunft der Arbeit verändern werden, wissen wir nicht, wir können es nur erahnen – wobei die (selbsternannten) Zukunftsforscher/-experten hier ja einige spannende Szenarien zeichnen.

Wir stecken in einem massiven Veränderungsprozess und können die Folgen der “Arbeitswelt 2035” nicht mal im Ansatz beschreiben, außer: Es wird alles anders sein.

Ist Leistung und sind Pflichten noch wichtig?

Ich freue mich auf die Zukunft – aber eine Sache macht mir ehrlicherweise Sorgen: Wir sprechen nicht mehr über Leistung. Und wir sprechen auch nicht mehr über Pflichten.

Brief von meinem Großvater anlässlich meines Geburtstages 1995

Ich bin in einem preußischen Elternhaus sozialisiert worden und sehe sicherlich einige der damaligen Ratschläge teilkritisch. Mein Großvater hat mir 1995 zum Geburtstag eine Richtschnur fürs Leben geschenkt – und mich haben diese Ratschläge trotzdem unfassbar geprägt. Ich war nie talentierter als andere, ich wusste aber relativ früh, wo ich hinmöchte. Und wenn ich es nicht bekommen habe, habe ich härter gearbeitet (“Sei dreimal so fleissig wie die anderen”). Ich zweifle jeden Tag an mir, ich bin nie selbstzufrieden. Und wenn ich am Tag 5 Fehler mache, muss ich halt mehr Entscheidungen treffen, damit der Schnitt nicht allzu schlecht wird…

Nur leider sehe ich, dass gewisse Tugenden nicht mehr positiv gesehen werden.

Beobachtungen mit der “jungen Generation”

Und ich beobachte andere Entwicklungen: Ich erinnere mich an einen Praktikanten, der mir einen Termin einstellte, um dann auszuführen, wie er “die Organisation” aufbauen würde. Ich erinnere mich an Vorstellungsgespräche, bei denen ein Berufseinsteiger mich gefragt hat, wie viele Tage man denn im Büro sein müsse: “Office-Pflicht könne ja nicht die Regel sein…!”. Ich sehe, dass manche Angestellte mehr auf die strikte Einhaltung der Arbeitszeiten pochen mit einer sehr klaren Auslegung von “10-to-6” – es dann aber trotzdem schaffen, eine Stunde ins Fitness-Studio zu gehen, den Abstecher am Kicker/der Tischtennisplatte nicht vergessen, eine kurze Mittagspause einlegen, um dann um exakt um 18.01 Uhr das Büro zu verlassen, weil die imaginäre Werk-Sirene gedröhnt hat… Es geht oftmals nicht um eine Ausgewogenheit der “Work-Life-Balance”, es geht um die Eigenoptimierung der “life”-Seite. Und die Arbeitgeber spielen mit: Der Bürogoldfisch, der Kicker, frisches Obst, die Entspannungsecke.

Ja, vermutlich bin ich in der Zeit stehen geblieben. Ich kann mich mit manchen “Realitäten” nicht anfreunden. Ich habe aber immer gewusst, dass es bei Rechten auch um Pflichten geht – und das Arbeit nicht immer nur Spaß ist. Ich wusste immer, dass ich nur mit harter Arbeit und Leidenschaft meine Ziele erreiche. Sei es meine Marathonbestzeit von 2:59, obwohl ich vermutlich der Prototyp des Antisportlers bin. Oder auch den beruflichen Weg, den ich gegangen bin. Mich hat immer meine Leidenschaft, aber auch mein Wille angetrieben. Mit Disziplin selbst im Moment des Scheiterns nach vorne zu gucken.

Wie ist der “Status Quo”?

Ich wünsche mir manchmal von der “jungen Generation”, dass wieder ein Blick auf das Wichtige geworfen wird: Wir leben in einem Land, dem es wirtschaftlich enorm gut geht. Wir haben einen unfassbaren Wohlstand – und können uns jeden Tag auf höchstem Level beklagen, wie schlecht es uns geht. Aber vielleicht sollten wir doch einen Blick auf unsere Elterngeneration und auf unsere Großelterngeneration (und für manche die Urgroßeltern) werfen, die nach dem zweiten Weltkrieg insbesondere Westdeutschland “from scratch” aufgebaut haben – zu einer der führenden Industrienationen der Welt. Wir sind wahnsinnig stark darin, die “Alten” für all ihre Fehler zu kritisieren (mich in Teilen eingeschlossen), wir vergessen aber, dass es insbesondere harte Arbeit war, die uns ein Leben mit relativ hohem Wohlstand gebracht hat.

Und wir gucken auch nicht mehr, welche Entwicklungen es in anderen Ländern gibt. Wie insbesondere der asiatische Raum massiv aufholt, bzw. uns in vielen Bereich längst überholt hat. Wie wir bei Themen der Digitalisierung den internationalen Anschluss verlieren.

Ich möchte wirklich nicht über Corona schreiben, dazu ist eigentlich alles gesagt. Wenn es aber aktuell eine Sache gibt, die mir Angst macht, ist es der desaströse Digitalisierungs-Status Quo (siehe Schulen, siehe Impforganisation), aber auch, wie wir in Deutschland zu Unternehmertum, Verantwortung und Arbeit stehen.

Lasst uns Verantwortung für ein “Neues Deutschland” übernehmen!

Vielleicht sollten wir die aktuelle Corona-Situation doch als Chance sehen! Und uns wirklich einmal damit auseinandersetzen, wie wir uns für die Zukunft rüsten können und ein “Neues Deutschland” denken. Die Zukunft bietet wahnsinnig viele Chancen, aber auch Herausforderungen. Mit Mut, Entschlossenheit, Leidenschaft, Wille und Unternehmertum werden wir die Herausforderungen aber weitaus leichter bewältigen können, als mit dem aktuell häufig zu beobachtenden Mindset zu der Wirtschaft und einem sich immer breiter machenden Lifestyle der “jungen Generation”. Und wir sollten uns vielleicht auch ein paar Tugenden und Eigenschaften der “alten Generation” abschauen, und nicht nur auf die Maximierung der Luxusbedürfnisse konzentrieren. Ich habe gelernt: Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Aktuell wird viel angemahnt, dass die Politik nicht mehr die Verantwortung für ihr teils miserables Handeln übernimmt. Ich glaube, dass das ein Spiegelbild der heutigen Zeit ist – aber wir können es anders machen und selber in unserem Umfeld VERANTWORTUNG übernehmen. Dazu übrigens als kleiner Tipp ein wahnsinnig toller Podcast, der mich wirklich mitgenommen hat – hier geht’s lang… Es geht zwar viel um Politik, aber der Sohn von Helmut Kohl spricht auch viel über Themen wie Unternehmertum und Leistung. Aber sobald wir die Politik kritisieren, sollten wir auch über uns selber viel mehr nachdenken, welche Rolle wir einnehmen…

“And so, my fellow Americans: ask not what your country can do for you — ask what you can do for your country.”

In seiner Amtsantrittsrede hat Kennedy es ziemlich deutlich gesagt und ich glaube, dass das auch heute richtig ist: Es geht nicht darum, was der Staat/die Politik oder die Wirtschaft/der Arbeitgeber für mich tun kann. Wir sollten uns manchmal auch die Frage stellen, was WIR für das Land, die Gesellschaft, unser Umfeld und das Unternehmen tun können, in dem wir arbeiten…

LET. IT. RAIN.

Euer Dirk

P.S.: Sorry, dass musste raus…

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