Auf einen Kaffee mit Dirk: Vor dem Abgrund des Unwissens
Es gibt Aussagen, die altern nicht – sie erstarren zu Denkmälern kollektiver Selbstüberschätzung: „Das Internet ist nur ein Hype.“ Oder: „Es gibt keinen Grund für ein Einzelwesen, einen Computer zu Hause zu haben.“ Oder der unvergessene Klassiker von Angela Merkel aus dem Jahr 2013, als das Netz die globale Wirtschaft bereits seit Jahrzehnten umgewälzt hatte: „Das Internet ist für uns alle Neuland.“
Damals lachte die Netzgemeinde hämisch über den spießigen Politikbetrieb, der den Zug der Zeit mal wieder verpasst hatte. Doch wer heute über das damalige „Neuland“ schmunzelt, verkennt die feine Ironie der Gegenwart. Denn wir stehen gerade am exakt gleichen Punkt – nur dass diesmal nicht die Politik im Dunkeln tappt, sondern die Führungsetagen in Beratung, Private Equity und Konzernvorständen.
Der aktuelle Boardroom-Kanon lautet: Künstliche Intelligenz um jeden Preis. Margenoptimierung, Effizienzgewinne, Automatisierung! Ganze Abteilungen werden konsolidiert, Junior-Rollen gestrichen, Aufgaben per Knopfdruck an KI-Agenten delegiert. Auf dem Papier eines einzelnen Portfolio-Unternehmens ist das eine brillante, vollkommen rationale Entscheidung. Betrachter der Makro-Ebene blicken jedoch in einen Abgrund: die AI Layoff Trap.
Hier habe ich eine extrem spannende Ausarbeitung von Brett Hemenway Falk und Gerry Tsoukalas gelesen.
Das mathematische Dilemma dahinter ist so simpel wie verhängnisvoll: Wenn ein Unternehmen eine Stelle durch KI ersetzt, streicht es 100 Prozent der Lohnersparnis als Marge ein. Der dadurch verursachte Kaufkraftverlust des entlassenen Mitarbeiters verteilt sich jedoch auf den gesamten Markt. Bei “N” Wettbewerbern spürt das einzelne Unternehmen nur ein Kümmerstel – sprich “1/N” – des eigenen Nachfrageschadens; die restlichen (N-1)/N wälzt es bequem auf die Konkurrenz ab.
Das Ergebnis ist ein klassisches Gefangenendilemma. Und der freie Wettbewerb diszipliniert hier nicht, er beschleunigt den Kollaps: Je stärker ein Markt fragmentiert ist, desto kompromissloser rationalisieren Unternehmen ihre eigenen Kunden weg, weil die Zeche immer die anderen zahlen. Selbst Manager, die diesen Klippensturz glasklar vor Augen haben, können den Fuß nicht vom Gaspedal nehmen. Wer aus Rücksicht auf die Gesamtwirtschaft bei der Automatisierung bremst, wird im nächsten Quartal vom Markt überrollt. Und je leistungsfähiger die KI wird, desto schneller dreht sich diese Spirale im Red-Queen-Effekt: Alle rüsten auf, um Marktanteile zu gewinnen, die sich im Symmetriefehler wieder neutralisieren – übrig bleibt nur die zerstörte Kaufkraft.
Besonders bitter: Weder ein bedingungsloses Grundeinkommen noch klassische Gewinnsteuern lösen das Problem, weil sie die Grenzkosten-Kalkulation des einzelnen Restrukturierungsfalls unberührt lassen. Die einzige mathematisch funktionierende Bremse gegen dieses Systemversagen ist eine gezielte Automatisierungssteuer (Pigouvian Tax), die den Nachfrageschaden direkt in den ROI der KI-Transformation einpreist – eigentlich ein Schreckgespenst für einen Liberalen wie mich.
Wir können uns weiter über das historische „Neuland“ amüsieren. Aber in Wahrheit haben wir das Prinzip nur auf die nächste Ebene gehoben. Wer glaubt, den strukturellen Wandel durch KI mit den klassischen Reflexen der mikrowirtschaftlichen Effizienzsteigerung steuern zu können, betritt genauso unvorbereitet Neuland wie die Entscheidungsträger von damals.
Meiner Meinung nach bräuchten wir in Wirtschaft, Gesellschaft und Politik dringend eine Debatte über die “Zukunft der Arbeit” und die Herausforderungen der Künstlichen Intelligenz – wenn ich dann aber im aktuellen Berliner Wahlkampf ein der SPD mit dem Slogan “Wir kämpfen um jeden Arbeitsplatz” sehe, merke ich: Das wird wieder eine Debatte sein, in der Deutschland abgehängt wird.
Es sei denn, wir wachen auf und besetzen die kommenden Themen mit unternehmerischem Mut – denn: Performance matters.
Lasst uns Regen machen!
– Dirk