Auf einen Kaffee mit Dirk: Kündigungen aus der Hölle
Kürzlich erreichte mich von einem Bekannten aus einem großen Verlagshaus eine Sprachnachricht: Jemand habe eine Kollegin zu einem “Lunch-Date” eingeladen. Der Kollege wurde zur Personalabteilung zitiert, weil das eine übergriffige Formulierung sei und ein Verstoß gegen die Compliance-Richtlinien sei. Hier scheint es noch das klassische Vorgeplänkel zu einer Kündigung zu sein…
Gestern habe ich mit einem alten Freund gesprochen, der kurzfristig und überraschend freigestellt wurde bei einem sehr, sehr großen Paketzusteller. Dann wurde er zu einem Personalgespräch zitiert. Er habe in seiner Rolle als Führungskraft ein heftiges Fehlverhalten an den Tag gelebt: Ich fragte ihn: “Was ist passiert?!” – Er habe an einem Wochenende gearbeitet und damit würde er seine Team-Mitglieder unter massiven Druck setzen. Und er habe sich falsch in der Zeiterfassung eingetragen, denn er habe sich arbeitend eingeloggt, obwohl er nicht im Büro war (Sidenote: Er hat seine Tochter zur Kita gebracht und sich in eine Telefonkonferenz aus dem Auto eingeloggt, dass war mit dem alten Vorgesetzen abgesprochen und schriftlich freigegeben…). Richtig zurechtlegen konnte die Gegenseite die Kündigung scheinbar nicht, daraufhin platzte es aus der neuen Vorgesetzen raus: “Es passt bei unserer Zusammenarbeit nicht und in Deiner Führungsrolle akzeptiere ich nicht, dass jemand nicht präsent im Office ist.” – Da ich ihn jetzt in meiner Rolle als “Spielerberater” mit einem extrem guten Arbeitsrechtler verbunden habe, sieht er der Kündigung aufgrund von Compliance-Verstößen sehr gelassen entgegen.
Kürzlich konnte man einen spannenden Fall über Siemens lesen. Eine weibliche Top-Führungskraft wurde aus ihrer Elternzeit heraus gekündigt aufgrund des Vorwurfs massiver Compliance-Verstösse. Sie habe in Meetings “narzisstisch ihre Meinung durchsetzen“ wollen. Siemens versuchte in Compliance-Ermittlungen ein “toxisches Fehlverhalten” nachzuweisen, hier wurden auch Mitarbeiter als Zeugen eingebracht. Auch hier ging es wohl eher darum, dass die Chefin der Top-Führungskraft ein Problem mit der Elternzeit (und vermutlich auch der Person) hatte… Um das “Problem” bei Siemens zu lösen, wurde jetzt auch der Ehemann der Beklagten aus dem Unternehmen gedrängt – immerhin war er einer der Personalchefs von Siemens.
Auch aus eigener Erfahrung mit Kündigungsthemen (als “Kündiger” wie auch als “Gekündigter”) weiß ich, dass ein Zitat sehr gut passt: “Es gibt Deine Sicht, es gibt meine Sicht – und es gibt die Wahrheit.” – Was mich aber verblüfft: Wieso werden Kündigungen so unfassbar unprofessionell vorgetragen? Die Folgen für das Unternehmen sind brutal: Zum einen gibt es den internen, aber auch den externen Reputationsverlust, denn andere Mitarbeiter sehen, wie eine Trennung abläuft. Als ich zum Beispiel bei COMATCH entsorgt wurde – wait: als wir uns einvernehmlich geeinigt haben – gab es wenige Kollegen, die Mitleid mit mir hatten (es sei ihnen verziehen…), aber durchaus einige, die gedacht haben: Was passiert, wenn es bei mir genauso abläuft??
Aber auch die Arbeitgebermarke nimmt Schaden und wenn die Person mit Kunden zu tun hatten, werden die es möglicherweise auch erfahren und eventuell die Geschäftsbeziehung überdenken.
Was mich aber noch mehr verblüfft bzw. welche Entwicklung neu ist: Der aktive Einsatz von “Compliance” als Instrument, um Mitarbeiter auf Linie zu bekommen. Anhand von falschen Worten (Date!!! KREISCH!!! Das ist doch sexuell übergriffig!) oder durch Vorwürfe, dass etwas “toxisches Fehlverhalten” sei… Was man damit meines Erachtens sehr erfolgreich schaffen wird: Eine Kultur des Misstrauens voller Borg-Opportunisten. Zukünftig werden die Top-Führungskräfte noch mehr als vorher assimilierte Arschgeigen sein…
Ich glaube, dass es gut wäre, einerseits beidseitig professioneller zu agieren – und mir ist absolut klar, dass das auch zu einer Trennung führen kann. Aber beide Seiten sollten eine Trennung als sportlichen Wettbewerb sehen. Und versuchen hier professionelle Lösungen zu finden. Wir können auf jeden Fall gute Sparringspartner für solche Gespräche sein, aber kennen auch hervorragende Arbeitsrechtler für die juristischen Aspekte!
– Dirk