Auf einen Kaffee mit Dirk: “Gehaltsgerechtigkeit” am lebenden Beispiel
Kürzlich habe ich von einem sehr spannenden Gedankenexperiment gelesen. Der Spill-Gründer Calvin Benton hat allen Mitarbeitern unabhängig von ihrem Tätigkeitsbereich und ihrer Position das gleiche Gehalt gezahlt. Zur Einordnung: Das “Kollektivgehalt” lag bei 36.000 Pfund (circa 41.000 Euro) p.a.
Ausgangspunkt war die Gründungsphase des Psychotherapie-StartUps (Online-Beratung und -Therapie) aus UK: Fünf Menschen, die alle einen ähnlichen Leistungsbeitrag erbracht haben, sollten alle die gleiche Vergütung erhalten. Auch er habe die gleiche Vergütung erhalten, wird Benton zitiert. Wobei sich hier mein erstes Fragezeichen auftut: Die Anteile waren ja nicht vergleichbar verteilt – wie wurde damit umgegangen?
Um die App-Lösung auf einen schnelleren Wachstumspfad zu bringen, wurde Geld eingesammelt. Neben “The Future Fund”, der staatliche Darlehen an Unternehmen mit Sitz im Vereinigten Königreich vergibt, wurde mit “Ascension” ein Early Stage-Venture Capital an den Captable geholt und in Summe mehr als 3,5m$ geraised.
So sehr der bisherige Weg für mich nachvollziehbar erscheint, gibt es jetzt einen Logikbruch: Während in der Frühphase eines StartUps viel Idealismus herrscht á la “Wir werden die Welt revolutionieren!”, gibt es jetzt verschiedene interne und externe Faktoren, die das Modell zum Umkippen bringen. Es wurden Senior-Entwickler eingestellt, die einen deutlich höheren Marktwert haben – und deren Identifikation mit dem Startteam naturgemäß nicht zu vergleichen ist. Und es wurden Sales-Mitarbeiter eingestellt, die keinerlei Erfolgsprovisionierung erhalten sollten. Durch die externen Kapitalgeber hat sich dann der Charakter der Firma nochmal verändert – denn ein Early Stage-VC investiert, weil er sein Investment vermehren will, aber es gibt noch einen Aspekt: Auch der Gründer profitiert massiv von der neuen Unternehmensbewertung. Hier trimmt man ein Unternehmen auf ein zukünftiges “Unicorn”, aber lässt die Schlüsselspieler nicht angemessen partizipieren…?
Die Folgen waren aus Unternehmenssicht nicht positiv: Es gab keine Bewerbungen von Software-Entwicklern, Sales-Mitarbeiter forderten eine Provision und einfache Büroangestellten bewarben sich im Übermaß, da sie überbezahlt gegen den Markt waren. Außerdem fiel noch ein weiterer Faktor ins Gewicht: Es habe sich mit steigender Mitarbeiterzahl gezeigt, dass manche mehr arbeiten und andere weniger. Sollte es also nicht fair sein, wenn Angestellte, die mehr arbeiten, auch mehr verdienen?
Im Neuaufsatz gibt es jetzt eine Gehaltsstruktur, die die Dauer der Betriebszugehörigkeit und die individuelle Position berücksichtigt, allerdings werden alle Gehälter wohl offengelegt. Hier empfinde ich die Denkweise des Spill-Gründers als sehr unaufrichtig, wenn er sagt, er habe das gleiche Gehalt wie seine Kollegen und dabei seine Shares außen vor lässt…
Grundsätzlich spielen einige Faktoren in die Bewertung des Gehalts ein: Was zahlt “der Markt” für eine vergleichbare Qualifikation? Hat die Rolle eine hohe strategische Bedeutung? Gibt es bei einer Rolle eine messbare Erfolgskomponente wie im Sales? Oder sogar eine unternehmerische Beteiligung?
Ich empfinde ein Thema wie “Gehalt” für unfassbar komplex – insbesondere in einem jungen Unternehmen sollte es fair sein, aber ist es wirklich “gerecht”, wenn unterschiedliche Tätigkeiten gleich bezahlt werden? Hier mutet für mich der gewählte Ansatz der “Gehaltsgerechtigkeit” etwas teilsozialistisch an – und er schreckt meines Erachtens massiv Leistungsträger ab. Ich vergleiche mich persönlich extrem gerne – und glaube, dass viele Leistungsträger eines Unternehmens eine “Gleichbehandlung” als massiv ungerecht empfinden, sondern auch eine Upside bei erfolgreicher Arbeit über Anteile oder Bonus sehen wollen. Gleichzeitig zahlt “der Markt” für unterschiedliche Tätigkeit auch unterschiedlich, aber das ist ein wesentlicher Bestandteil der Marktwirtschaft, der ich sehr positiv gegenüber stehe…
Was denkst Du zum Thema? Schreib mir gerne!
– Dirk